Ein Plädoyer für “Lehrerticks- und macken”?

Nach dem Erfahrungspraktikum, den Videolektionen und den auf Video aufgezeichneten Microteaching-Sequenzen beschäftigt mich neuerdings sehr das Auftreten und die Persönlichkeit von Lehrpersonen sowohl in Bezug auf mich als auch ganz allgemein. Umso mehr man sich nämlich selbst beständig aus der Außenansicht gespiegelt sieht oder sich selbst auf Video gebannt erlebt, erkennt man die ganze Palette an individuellen Eigenarten, Ticks und Macken, die man beim Sprechen oder beim Bewegen an den Tag legt.Von einigen Kommilitonen habe ich gehört, wie sie darauf aufmerksam gemacht werden und mehr oder minder deutlich ans Herz gelegt bekommen oder selbst der Überzeugung sind, dass sie ihre Macken und Ticks ablegen sollen bzw. müssen.

Möchte ich daher ein Plädoyer für unsere Macken und Ticks halten? Ja und Nein. Ich bin der Überzeugung, dass diese Macken uns zu authentischen, unverwechselbaren Menschen machen und dass sie allein deswegen eine absolute Berechtigung haben. Sie sollten m. E. nur dann abgelegt werden, wenn sie die Beziehungsgestaltung zu den SuS negativ beeinflussen oder den Unterrichtsablauf nachhaltig stören. Und ich glaube, das tun sie in den allerseltensten Fällen. Ich finde, dass SchülerInnen ein kleines Repertoire an persönlichen Lehrermacken absolut zumutbar ist; immerhin müssen wir auch eine ganze Menge Ticks von unseren SchülerInnen ertragen, ohne dass wir sie beständig darauf hinweisen würden: “du tust dies, du tust das … wie merkwürdig!” Toleranz ist ein Wert, den es zu vermitteln gilt: Toleranz der Lehrer gegenüber den SchülerInnen, aber auch umgekehrt.

Aus meiner eigenen Schulzeit habe ich in Erinnerung, dass wir eine ganze Menge LehrerInnen hatten, die so ihre kleinen Macken und Ticks pflegten. Diejenigen von ihnen, die gerecht und fair waren, die guten Unterricht abhielten, haben wir respektiert und gemocht mit all ihren Eigenheiten. Klar, ihre Ticks waren ihr Erkennungszeichen und – ich bin ganz ehrlich – wir haben sie nachgeahmt und ihre Ticks waren manchmal eine Chiffre, die wir anstelle ihres Lehrernamens benutzt haben. Aber, das hat der guten Beziehung zu dieser jeweiligen Person absolut keinen Abbruch getan …

Daher bin ich der Überzeugung: statt unsere Energien in die Abschaffung unserer Macken und Ticks zu investieren, sollten wir ressourcenschonend vorgehen und diese besser in die Gestaltung einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung und eines anregenden Unterrichtes stecken. Ich spreche mich also ganz klar für ein authentisches, “mackenhaftes” Verhalten aus … :)

1 Kommentar

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Eine Antwort zu Ein Plädoyer für “Lehrerticks- und macken”?

  1. Ein toller Beitrag!
    Bei der Erstellung der Videolektion habe mich nun auch selbst beim Unterrichten mit all meinen Macken beobachten können. Ich fand es am Anfang schrecklich, konnte mich nicht sehen und nicht hören, denn wer sieht sich schon selbst einmal über eine etwas längere Zeit agieren? Ich kam mir selbst sehr eigenartig vor. Doch hat nicht wirklich jede Person seine Eigenheit, die ihn erst zum Individuum werden lässt?
    Ja, ich stimme dir zu, dass es Wichtigeres gibt, als den Versuch zu starten seine Persönlichkeit mit seinen Eigenheiten zu verändern und daran zu arbeiten, dass wir alle ein “Einheitsbrei” werden: die armen SchülerInnen.
    Ich denke nämlich, dass wir so wir selbst bleiben, uns so im Klassenzimmer wohl fühlen und uns auf den Unterrichtsstoff konzentrieren können. Und ich denke, dass gerade diese kleinen Macken der Lehrpersonen den Lernenden den Alltag versüßen können…..

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