In meinem Erfahrungspraktikum habe ich eine Situation erlebt, in der mir die Ausführungen von Christa Renoldner, Eva Scala und Reinhold Rabenstein in “einfach systemisch” (2006) wirklich lebensnah vor Augen geführt worden sind. Es geht um die Kapitel “Was ist ein System?” und “Niemand ist eine Insel“, in dem die Autoren das soziale / lebendige System näher erläutern.
Ihre These ist, dass soziale Systeme durch die Perspektive des jeweiligen Betrachters geschaffen werden, je nachdem welche Personen zu einem bestimmten System dazu gezählt werden. Dabei verändern sich die Teile des Systems durch ihr Zusammenspiel selbst, es organisiert sich quasi selbst, indem es kommuniziert und Übereinstimmung im Denken und Handeln sucht. Die Wirkungen, die durch äußere Impulse auf das System bewirkt werden, sind nicht berechenbar und vorhersagbar.
Während meiner Beispiellektion hatte sich das System Klasse, eine Gruppe von 10 SchülerInnen im Fach Latein, durch die Anwesenheit des Prüfers verändert. Es war ein neues System entstanden, indem sich die übrigen Teile, nämlich die SchülerInnen neu organisierten. Dies äußerte sich in einer ganz eklatanten Verhaltensänderung. Nachdem nämlich die SchülerInnen sonst sehr lebendig, manchmal gar etwas unruhig im Unterricht waren, viel nachfragten aber auch eigene Beiträge brachten, wurde durch die Anwesenheit des Prüfers die gesamte Klasse in eine wahre Friedhofsruhe versetzt. Im Moment der Prüfungslektion habe ich dies zwar registriert, konnte aber keine Impulse setzen, um das System Klasse zu einer Veränderung der Situation zu animinieren. Da mir noch die Videolektion bevor stand, bei der ich wieder eine externe Person einbinden wollte, habe ich mir zuvor überlegt, was hilfreich für die Klasse sein könnte, um die Erweiterung ihres Systems nicht als Störung zu empfinden, sondern sich frei und ungehemmt neu zu organisieren.
Also habe ich vor meiner Videolektion meinen Kameramann viel ausführlicher vorgestellt als den Prüfer zuvor, seinen Beruf ein wenig erläutert und ihn auch bei meinen Erklärungen zum Anlegen eines concept map bewusst einbezogen. Die Folge war, dass sich die Klasse als System – nach kurzer Irritation – neu organisiert und auch den Kameramann als Bestandteil ihres Systems akzeptiert hat. Dies hat sich darin gezeigt, dass sie einerseits sich mit ihm unterhalten haben und andererseits sich natürlich – eben so wie in den Stunden zuvor – verhalten haben.
Diese Erkenntnis über die Fragilität eines Systems, über die Frage, was einen Unterschied macht für das System und was nicht und die Überlegungen, welche hilfreichen Impulse ich setzen kann, empfinde ich als sehr wertvoll. Gleichzeitig habe ich natürlich auch gemerkt, dass ich ein Teil dieses lebendigen Systems bin und dass ich nur einen Eindruck bekommen konnte, was das eigentliche Problem ist, als ich eine Metaposition eingenommen habe.
Liebe Stephanie
Eine sehr eindrückliche Schilderung und ebenso hat mich beeindruckt, wie du das Problem, d.h. die Störung des Systems auf einer Metaebene analysiert hast. Dies hat wahrscheinlich entscheidend zur Problemlösung beigetragen. Die Anwesenheit eines Aussenstehenden stellt eine sichtbare Veränderung des Systems dar.
Schwieriger wird es wahrscheinlich, wenn sich das System wandelt, weil sich ein Teil davon, d.h. eine oder mehrere Schülerinnen verändern, z.B. wenn jemand in der Klasse psychisch krank wird, Sorgen im privaten Umfeld hat usw. Wie erkennen wir dann, dass die vielleicht gar nicht so offensichtlichen, aber trotzdem irgendwie spürbaren Einflüsse auf eben diesen Grund zurückzuführen sind? Wir sind hier als Lehrpersonen sehr gefordert, nicht nur harte, sondern auch weiche Faktoren, die wir vielleicht nur in der „Bauchgegend“ spüren, ernst zu nehmen. Ein Forschen danach, geschweige denn die Lösung der „Störung“ kann sich mitunter als sehr heikel erweisen. Der beste Weg wird wahrscheinlich der sein, zu versuchen, das Ganze auf der Metaebene im Sinne von Reich anzugehen. Dazu hast du mir die nötigen Impulse gegeben. Danke.