Im Geschichtssunterricht können Fallanalysen äußerst vielfältig eingesetzt werden. Allerdings sind sie hier noch relativ neu, anders als in der Medizin, Sozialpädagogik, Wirtschafts- und Arbeitslehre oder in der Rechts- und Politikwissenschaft, wo sie bereits seit Jahrzehnten zur klassischen Fachmethodik gehören.
Ähnlich wie bei unserer BP-Fallstudie bedeutet eine Fallanalyse im Geschichtsunterricht, dass hier ein konkreter historischer Fall von exemplarischer Bedeutung untersucht wird, d. h. es werden die zeittypischen Bedingungen, Abläufe und Entscheidungsprozesse eines historischen Ereignisses betrachtet und analysiert. Durch die Auflösung des Falles in Teilprobleme und in verschiedene Dimensionen kann dabei die Komplexität der Umstände und Wechselwirkungen sichtbar werden.
Die Frage ist natürlich: was ist ein historischer “Fall”? Aus historischer Perspektive muss ein Fallbeispiel einen bedeutsamen und repräsentativen Sachverhalt darstellen. Es sollte sich um ein konkretes, d. h. einmaliges und unwiederholbares Ereignis handeln, das zeitlich und räumlich begrenzt ist und in dem einzelne Personen, Gruppen oder Institutionen agieren. Entscheidend ist hier vor allem, dass die am Einzelfall gewonnenen Kenntnisse übertragbar sind. Als Themen sind lokale oder regionale Beispiele geeignet, die sie im Besonderen das Allgemeine verdeutlichen, z.B. die Machtübernahme der Nationalsozialisten an einem bestimmten Ort oder das Ende des 2. Weltkrieges. Was sonst unter Umständen allgemein und abstrakt bleibt, wird dann überschaubar und konkret.
Die Vorteile sind dieselben wie in meinem vorhergehenden Blockeintrag beschrieben: die gezielte und gründliche Beschäftigung mit einem historischen Fall kann die SchülerInnen sehr viel besser motivieren als eine flüchtige. Sie haben die Chance, selbst zu “forschen” und zu “Experten” zu werden. Sie arbeiten handlungsorientiert und erleben das Lernen als sinnhaft und persönlich relevant.
Dafür ist es wichtig, die SchülerInnen mit historischen Fällen aus ihrer eigenen Vorstellungs- und Lebenswelt zu konfrontieren. Es macht also Sinn, historische Ereignisse aus dem unmittelbaren Wohnumfeld für eine Fallanalyse aufzubereiten. Nahezu jeder Ort besitzt heute über ganz spezifische ortsgebundene Ereignisse Anschluß an die Weltgeschichte. Ausgehend von Denkmälern, Gebäuden etc., welche die SchülerInnen aus ihrer eigenen Anschauung kennen, lernen sie während der Untersuchung Fragen zu den Ereignissen, zu Lebensbedingungen und Umständen einer vergangenen Zeit zu entwickeln und zu beantworten. Die gefühlte Nähe zu den Ereignissen gibt dem Lernen einen emotionalen Zug und lässt Geschichte zu einem Erlebnis werden.