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Ein Plädoyer für “Lehrerticks- und macken”?

Nach dem Erfahrungspraktikum, den Videolektionen und den auf Video aufgezeichneten Microteaching-Sequenzen beschäftigt mich neuerdings sehr das Auftreten und die Persönlichkeit von Lehrpersonen sowohl in Bezug auf mich als auch ganz allgemein. Umso mehr man sich nämlich selbst beständig aus der Außenansicht gespiegelt sieht oder sich selbst auf Video gebannt erlebt, erkennt man die ganze Palette an individuellen Eigenarten, Ticks und Macken, die man beim Sprechen oder beim Bewegen an den Tag legt.Von einigen Kommilitonen habe ich gehört, wie sie darauf aufmerksam gemacht werden und mehr oder minder deutlich ans Herz gelegt bekommen oder selbst der Überzeugung sind, dass sie ihre Macken und Ticks ablegen sollen bzw. müssen.

Möchte ich daher ein Plädoyer für unsere Macken und Ticks halten? Ja und Nein. Ich bin der Überzeugung, dass diese Macken uns zu authentischen, unverwechselbaren Menschen machen und dass sie allein deswegen eine absolute Berechtigung haben. Sie sollten m. E. nur dann abgelegt werden, wenn sie die Beziehungsgestaltung zu den SuS negativ beeinflussen oder den Unterrichtsablauf nachhaltig stören. Und ich glaube, das tun sie in den allerseltensten Fällen. Ich finde, dass SchülerInnen ein kleines Repertoire an persönlichen Lehrermacken absolut zumutbar ist; immerhin müssen wir auch eine ganze Menge Ticks von unseren SchülerInnen ertragen, ohne dass wir sie beständig darauf hinweisen würden: “du tust dies, du tust das … wie merkwürdig!” Toleranz ist ein Wert, den es zu vermitteln gilt: Toleranz der Lehrer gegenüber den SchülerInnen, aber auch umgekehrt.

Aus meiner eigenen Schulzeit habe ich in Erinnerung, dass wir eine ganze Menge LehrerInnen hatten, die so ihre kleinen Macken und Ticks pflegten. Diejenigen von ihnen, die gerecht und fair waren, die guten Unterricht abhielten, haben wir respektiert und gemocht mit all ihren Eigenheiten. Klar, ihre Ticks waren ihr Erkennungszeichen und – ich bin ganz ehrlich – wir haben sie nachgeahmt und ihre Ticks waren manchmal eine Chiffre, die wir anstelle ihres Lehrernamens benutzt haben. Aber, das hat der guten Beziehung zu dieser jeweiligen Person absolut keinen Abbruch getan …

Daher bin ich der Überzeugung: statt unsere Energien in die Abschaffung unserer Macken und Ticks zu investieren, sollten wir ressourcenschonend vorgehen und diese besser in die Gestaltung einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung und eines anregenden Unterrichtes stecken. Ich spreche mich also ganz klar für ein authentisches, “mackenhaftes” Verhalten aus … :)

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Das lebendige System in der Praxis

In meinem Erfahrungspraktikum habe ich eine Situation erlebt, in der mir die Ausführungen von Christa Renoldner, Eva Scala und Reinhold Rabenstein in “einfach systemisch” (2006) wirklich lebensnah vor Augen geführt worden sind. Es geht um die Kapitel “Was ist ein System?” und “Niemand ist eine Insel“, in dem die Autoren das soziale / lebendige System näher erläutern.

Ihre These ist, dass soziale Systeme durch die Perspektive des jeweiligen Betrachters geschaffen werden, je nachdem welche Personen zu einem bestimmten System dazu gezählt werden. Dabei verändern sich die Teile des Systems durch ihr Zusammenspiel selbst, es organisiert sich quasi selbst, indem es kommuniziert und Übereinstimmung im Denken und Handeln sucht. Die Wirkungen, die durch äußere Impulse auf das System bewirkt werden, sind nicht berechenbar und vorhersagbar.

Während meiner Beispiellektion hatte sich das System Klasse, eine Gruppe von 10 SchülerInnen im Fach Latein, durch die Anwesenheit des Prüfers verändert. Es war ein neues System entstanden, indem sich die übrigen Teile, nämlich die SchülerInnen neu organisierten. Dies äußerte sich in einer ganz eklatanten Verhaltensänderung. Nachdem nämlich die SchülerInnen sonst sehr lebendig, manchmal gar etwas unruhig im Unterricht waren, viel nachfragten aber auch eigene Beiträge brachten, wurde durch die Anwesenheit des Prüfers die gesamte Klasse in eine wahre Friedhofsruhe versetzt. Im Moment der Prüfungslektion habe ich dies zwar registriert, konnte aber keine Impulse setzen, um das System Klasse zu einer Veränderung der Situation zu animinieren. Da mir noch die Videolektion bevor stand, bei der ich wieder eine externe Person einbinden wollte, habe ich mir zuvor überlegt, was hilfreich für die Klasse sein könnte, um die Erweiterung ihres Systems nicht als Störung zu empfinden, sondern sich frei und ungehemmt neu zu organisieren.

Also habe ich vor meiner Videolektion meinen Kameramann viel ausführlicher vorgestellt als den Prüfer zuvor, seinen Beruf ein wenig erläutert und ihn auch bei meinen Erklärungen zum Anlegen eines concept map bewusst einbezogen. Die Folge war, dass sich die Klasse als System – nach kurzer Irritation – neu organisiert und auch den Kameramann als Bestandteil ihres Systems akzeptiert hat. Dies hat sich darin gezeigt, dass sie einerseits sich mit ihm unterhalten haben und andererseits sich natürlich – eben so wie in den Stunden zuvor – verhalten haben.

Diese Erkenntnis über die Fragilität eines Systems, über die Frage, was einen Unterschied macht für das System und was nicht und die Überlegungen, welche hilfreichen Impulse ich setzen kann, empfinde ich als sehr wertvoll. Gleichzeitig habe ich natürlich auch gemerkt, dass ich ein Teil dieses lebendigen Systems bin und dass ich nur einen Eindruck bekommen konnte, was das eigentliche Problem ist, als ich eine Metaposition eingenommen habe.

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Fallanalysen im Geschichtsunterricht

Im Geschichtssunterricht können Fallanalysen äußerst vielfältig eingesetzt werden. Allerdings sind sie hier noch relativ neu, anders als in der Medizin, Sozialpädagogik, Wirtschafts- und Arbeitslehre oder in der Rechts- und Politikwissenschaft, wo sie bereits seit Jahrzehnten zur klassischen Fachmethodik gehören.

Ähnlich wie bei unserer BP-Fallstudie bedeutet eine Fallanalyse im Geschichtsunterricht, dass hier ein konkreter historischer Fall von exemplarischer Bedeutung untersucht wird, d. h. es werden die zeittypischen Bedingungen, Abläufe und Entscheidungsprozesse eines historischen Ereignisses betrachtet und analysiert. Durch die Auflösung des Falles in Teilprobleme und in verschiedene Dimensionen kann dabei die Komplexität der Umstände und Wechselwirkungen sichtbar werden.

Die Frage ist natürlich: was ist ein historischer “Fall”? Aus historischer Perspektive muss ein Fallbeispiel einen bedeutsamen und repräsentativen Sachverhalt darstellen. Es sollte sich um ein konkretes, d. h. einmaliges und unwiederholbares Ereignis handeln, das zeitlich und räumlich begrenzt ist und in dem einzelne Personen, Gruppen oder Institutionen agieren. Entscheidend ist hier vor allem, dass die am Einzelfall gewonnenen Kenntnisse übertragbar sind. Als Themen sind lokale oder regionale Beispiele geeignet, die sie im Besonderen das Allgemeine verdeutlichen, z.B. die Machtübernahme der Nationalsozialisten an einem bestimmten Ort oder das Ende des 2. Weltkrieges. Was sonst unter Umständen allgemein und abstrakt bleibt, wird dann überschaubar und konkret.

Die Vorteile sind dieselben wie in meinem vorhergehenden Blockeintrag beschrieben: die gezielte und gründliche Beschäftigung mit einem historischen Fall kann die SchülerInnen sehr viel besser motivieren als eine flüchtige. Sie haben die Chance, selbst zu “forschen” und zu “Experten” zu werden. Sie arbeiten handlungsorientiert und erleben das Lernen als sinnhaft und persönlich relevant.

Dafür ist es wichtig, die SchülerInnen mit historischen Fällen aus ihrer eigenen Vorstellungs- und Lebenswelt zu konfrontieren. Es macht also Sinn, historische Ereignisse aus dem unmittelbaren Wohnumfeld für eine Fallanalyse aufzubereiten. Nahezu jeder Ort besitzt heute über ganz spezifische ortsgebundene Ereignisse Anschluß an die Weltgeschichte. Ausgehend von Denkmälern, Gebäuden etc., welche die SchülerInnen aus ihrer eigenen Anschauung kennen, lernen sie während der Untersuchung Fragen zu den Ereignissen, zu Lebensbedingungen und Umständen einer vergangenen Zeit zu entwickeln und zu beantworten. Die gefühlte Nähe zu den Ereignissen gibt dem Lernen einen emotionalen Zug und lässt Geschichte zu einem Erlebnis werden.

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Fallstudien

Unser letzter großer Auftrag bestand aus der Anfertigung einer Fallstudie zum Thema “Der Weg zum Gärtner/In im Kanton Zürich”, eingebettet in das Modulthema “Berufsbildung in der Schweiz”. Hierfür erhielten wir in Gruppen von jeweils zwei Personen einen Lernjob, in dem das Szenario beschrieben und die einzelnen Aspekte aufgeführt waren, die wir beachten und bearbeiten sollten.

Die Bearbeitung der Fallstudie erwies sich dann als ziemlich spannend. Zum einen verlor damit das Thema Berufsbildung seinen auf den ersten Blick so gänzlich abstrakten Charakter. Nichts ist nämlich schlimmer als Auftrage erfüllen zu müssen, wie “Erarbeitet die wichtigsten Aspekte, wie man in der Schweiz einen Lehrberuf ergreifen kann”. Gerade in dieser Abstraktheit liegt die Gefahr einer vollkommenen Demotivierung. Stattdessen gingen wir sehr engagiert zu Werke und suchten die im Internet auffindbaren Quellen und Hinweise heraus, die wir auswerteten und nach einer abgesprochenen Struktur zusammenstellten.

Folgende Vorteile einer Fallstudie lassen sich  nun für mich aus eigener Erfahrung feststellen:

  • die Identifikation mit dem Untersuchungsgegenstand ist hoch und dies wirkt motivierend
  • ein abstraktes Thema gewinnt an Gegenständlichkeit, wird fassbar und sinnvoll erlebt
  • die Ergebnisse der Fallstudie sind übertragbar, da die Aufgabenstellung so angelegt war, dass unser “Fall” durchaus exemplarischen Charakter besaß und auch auf andere handwerkliche Berufe angewendet werden kann; der Lerneffekt ist also dementsprechend hoch
  • gleichzeitig ist man tief in die Materie abgetaucht und hatte abschließend das Gefühl, tatsächlich die erworbenen Kenntnisse verinnerlicht zu haben
  • hinzu kam die Partnerarbeit, der Austausch über das Vorgehen, die Auswahl und die Auswertung der Dokumente, was für den Lernprozess zusätzlich förderlich war
  • durch die eigenen Recherchen hat man “forschend gelernt”, was ich besonders anregend fand
  • förderlich ist auch die Freiheit, mit der man die Ergebnisse aufbereiten und darstellen kann

Abschließend würde ich als einzigen Nachteil den hohen Zeitaufwand empfinden, vor allem wenn ich an den Einsatz von Fallstudien in meinem Unterricht denke. Allerdings ist der Zeitaufwand im Hinblick auf den Gewinn dieser Methode für die SchülerInnen absolut gerechtfertigt. Diese werden im Unterricht zu selbst Handelnden und enorm aktiviert. Durch Fallstudien kann letztendlich ein hoher Grad des Lernens in kognitiver, sozialer, emotionaler und selbst moralischer Dimension erreicht werden.

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Exkursion in die KV Zürich Business School

Letzte Woche führte uns unsere Exkursion in die KV Business School in Zürich, in der kaufmännische Lehrlinge in dreijähriger Lehrzeit ausgebildet werden. Mit ca. 4100 SchülerInnen und 230 Lehrkräften handelt es sich um die größte KV – Berufsschule in der Schweiz. Die SchülerInnen sind in drei Niveaus eingeteilt: in das B-Profil, das eine Basisbildung mit einer Fremdsprache umfasst; in ein E-Profil, das eine erweiterte Grundausbildung mit zwei Sprachen umfasst und ein M-Profil, das die Grundbildung mit Berufsmaturität bezeichnet. Alle drei Profile schließen mit dem EFZ, dem Eidgenössischen Fähigkeitszertifikat ab. AbsolventInnen des B und E-Profiles können in zwei oder drei Semestern die Berufsmaturität noch nachholen.

Das Schulgebäude bzw. die Schulgebäude sind angesichts der Schülerzahlen riesig und erinnern eher an einen Uni-Campus, denn an eine Berufsschule. Die Ausstattung ist phantastisch: Computerkabinette, Schwimmhalle, Sporträume und helle, lichte Klassenräume. Dennoch hat die Schule aufgrund ihrer Größe  etwas Molochartiges und doch recht Unpersönliches. In Anbetracht der zahlreichen Klassen, die jeder Lehrperson unterrichtet, bleibt es offensichtlich schwierig, ein persönliches Verhältnis zu den einzelnen SchülerInnen aufzubauen oder individuell auf diese einzugehen.

Die Anforderungen sind sehr hoch: neben den drei Tagen im Lehrbetrieben, sind zwei – mitunter bis zu zehnstündige Schultage – zu absolvieren. An den Abenden und am Wochenende müssen Hausaufgaben erledigt werden. Motivation und Belastbarkeit (auf Schüler- wie Lehrerseite) scheinen mir die absoluten Voraussetzungen, um dieses Programm überhaupt durchzuhalten und die Business School erfolgreich abzuschließen. (Also das absolute Kontrastprogramm zu Jürg Jegges Märtplatz.) Die SchülerInnen müssen ein Höchstmaß an Organisiertheit und Diszipliniertheit an den Tag legen, um das Pensum zu bewältigen. Die Hinweise auf der Homepage mit Hilfestellungen für Lernende erscheinen mir da wenig ausreichend. Anscheinend gibt es keine praktische Unterstützung, die beim “Lernen lernen” hilft. Zur Verfügung steht jedoch eine Online-Beratung und ein care-Team von Psychologen, welche den SchülerInnen bei Problemen zur Verfügung stehen. Erstaunlicherweise scheinen diese aber – nach Auskunft der Schulleiter – eher für die alltäglichen Probleme der Heranwachsenden und weniger für den Umgang mit schulischen Belastungen herangezogen zu werden.

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“Happy-Go-Lucky” – konstruktivistisches Lehren im Film

Happy-Go-Lucky” (Regie: Mike Leigh, 2008) habe ich vor zwei Jahren – also noch vor der PHTG und bevor der Konstruktivismus in mein Leben getreten ist :) – im Kino gesehen. Als ich mir den Film nun in ein zweites Mal auf DvD angesehen habe, ist mir aufgegangen, dass die Hauptperson Pauline (genannt Poppy) ganz offensichtlich eine Grundschullehrerin ist, die nach konstruktivistischen Prinzipien arbeitet und im Endeffekt auch lebt.

Eigentlich geht es im Film um die Sicht auf das Leben und die Konstruktion von Glück. Hauptprotagonisten sind die eben genannte Poppy, die so ziemlich vorurteilsfrei auf ihre Mitmenschen schaut und es schafft, aus jeder Situation etwas Gutes und Sinnvolles zu ziehen und ihr Fahrlehrer Scott, der eigentlich genau das Gegenteil tut und von seinen Mitmenschen nicht nur das Schlechteste denkt, sondern auch erwartet. Während für Scott seine Schüler vor allem Un-Menschen sind, d. h. er beschreibt sie als un-freundlich, un-verschämt, un-gepflegt und un-höflich, ist es wirklich phantastisch, Poppy bei ihrem Unterricht zuzusehen. Ihre Grundschüler arbeiten in kleinen Gruppen kollektiv zusammen und wenn sie das Thema “Zugvögel” behandelt, bastelt sie mit ihnen Kostüme und tanzt mit ihnen durch den Klassenraum. Das wirkt alles ziemlich bunt und laut, aber nie ausufernd und chaotisch. Die Schüler konstruieren ihr Wissen in einem aktiven und kollektiven Prozess. Bei ihrer Kollegin, Freundin und Mitbewohnerin Zoe, die das gleiche Thema, aber mehr im Frontalunterricht abhandelt, kommt hingegen keine rechte Stimmung auf.

Mal abgesehen davon, dass der Film sehr witzig ist, kann man in Scott und Poppy zwei unterschiedliche Lehrertypen par excellence erleben. Poppy geht auf die Ressourcen, die Stärken ihrer Schüler ein und lässt sie sich ausleben, ohne vor problematischen Kindern (z.B. prügelt ein Junge ständig seine Mitschüler auf dem Schulhof) zurückzuschrecken. Im Gespräch mit dem Jungen und dem Schulpsychologen versucht sie seinen Problemen auf den Grund zu gehen, was hin und wieder schon sehr an unsere Coaching-Versuche erinnert. Scott hingegen ist absolut rigide und lässt nie eine andere Meinung zu. Im Grunde glaubt er, alles besser zu wissen; seine Lehrmeinung zählt und Diskussionen lässt er aus Angst und Borniertheit nicht zu. Das zeigt vor allem seine Fahrstunde:

Auch wenn Poppy in ihrem strahlenden Optimismus manchmal ganz schön nervig wirkt und man Scott in seinem Pessimismus in und wieder recht geben will, ist am Ende doch ziemlich klar, wer von beiden der glücklichere Lehrer und auch Mensch ist …

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Reframing II

Der Coach versucht also einen neuen Rahmen zu setzen, der eine verändernde Wirkung auf den Sinn und die Bedeutung des persönlich Erlebten hat. Ziel ist es, die begrenzte Sicht auf eine problematische Situation zu erweitern, um neue Handlungsspielräume und Umgangsweisen mit einem Problem zu eröffnen. Was der Betreffende mit dieser neu aufgezeigten Deutung anfängt, kann jedoch nur er entscheiden. Ihm bietet sich aber bei einem professionellen Reframing einfach die Chance, den eingefahrenen Problemlöserahmen zu sprengen und Lösungsalternativen zu entwickeln.

Das Reframing basiert dabei auf folgenden Annahmen:

  • Alle Erfahrungen und jedes Verhalten im menschlichen Leben ergeben einen Sinn, wenn man den Kontext kennt.
  • Jedes Verhalten hat eine sinnvolle Bedeutung für die Kohärenz des Gesamtsystems. Wie sich jemand verhält, erklärt jedoch noch nicht die Funktion, die dieses Verhalten im System hat.
  • Jeder scheinbare Nachteil in einem Teil des Systems kann sich an einer anderen Stelle durchaus als möglicher Vorteil herausstellen.
  • Probleme entstehen vor allem dann, wenn die Fähigkeiten eines Menschen und der Kontext nicht zusammenpassen.
  • Der Mensch muss dabei immer in seiner Gesamtheit, d.h. sowohl mit seinen bewussten als auch unbewussten Teilen gesehen werden, so dass all diese Teile beim Reframing in ihrem Zusammenwirken berücksichtigt werden können.

Unabhängig vom Coachen oder einem therapeutischen Einsatz des Reframing kann die Technik auch im didaktischen Kontext eingesetzt werden. So kann die Lehrperson ein Thema provokant formulieren und den Rahmen verändern, d.h. die Perspektive erweitern, um die SuS zu neuen und kreativen Ideen anzuregen. Die Anwendung des Reframing bietet aber auch die Möglichkeit, Beziehungskonflikte zwischen der Lehrperson und den SuS oder den SuS untereinander zu lösen. In diesen Fällen geht es vor allem darum, den eigenen Standpunkt zu verlassen und zu versuchen, die Perspektive des anderen einzunehmen oder die Beziehung aus einem veränderten Blickwinkel heraus zu beleuchten.

Derartige Konflikte waren auch Thema unserer ersten Reframing-Versuche… Nachdem der Konflikt geschildert worden war, haben wir zuerst reihum versucht, den Rahmen in der Hinsicht zu verändern, dass wir der problematischen Situation eine positive Deutung beigemessen haben. Anschließend wurde der Versuch gestartet, anhand eines Zufallswortes (z.B. Suppe, Ballon, Bibel usw.) aus dem Stehgreif eine kreative Deutung des Konfliktes zu entwickeln. Die größte Schwierigkeit bestand darin, tatsächlich nur den Blickwinkel zu verändern und nicht sofort Lösungsansätze anzubieten. Das Reframing nur als Angebot, nicht bereits als Lösungsvorschlag oder Ratschlag zu präsentieren, scheint mir hier wirklich die größte Schwierigkeit zu sein. Es verlangt, dass man sich aus der Situation zurückzieht und sich emotional nicht zu stark einbindet. Diese professionelle Distanz zu erlangen, ist ein echtes Kunststück, vor allem wenn einem der Betreffende sympathisch ist und man dann immer “ein wenig mitleidet” …

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Reframing I

Beim Reframing – das mit Umdeutung, Neurahmung oder auch Referenztransformation übersetzt werden kann – handelt es sich um eine Technik, die ein wichtiges Element im Coachingprozess, der systemischen Familientherapie und Neurolinguistischen Programmierung (NLP) darstellt. Reframing spielt jedoch auch für die konstruktivistische Didaktik eine Rolle, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass die Wirklichkeit nicht als Abbild der Realität zu verstehen ist, sondern aus Meinungen über etwas oder über jemanden besteht.

Richard Bandler 2000 erläutert den Begriff folgendermaßen:

Reframing heißt: Sie können es so oder so betrachten. Die Bedeutung, die Sie jetzt zumessen, ist nicht die “wahre” Bedeutung. Alle diese Bedeutungen sind wohlgeformt innerhalb Ihres Verständnisses der Welt.

Dies bedeutet nichts anderes, als dass sich die Wirklichkeit eines Menschen – bezogen auf eine bestimmte Situation oder ein Problem – sich verändern kann, indem sich seine Meinung über diese ändert. In diesem Sinne funktioniert auch das Reframing. Wir interpretieren und nehmen Ereignisse in unserem Leben innerhalb eines gewissen Rahmens (frame) wahr. Dieser Rahmen wiederum ist bestimmt und geformt von ganz individuellen Denkmustern, die auf spezifischen im Verlauf unseres Lebens gewonnenen Erfahrungen basieren. Entsprechend dieser Denkmuster stellt sich der jeweilige Rahmen als positiv, neutral oder negativ dar.

Beim Reframing wird vor allem dieser Rahmen verändert, d. h. einer Situation oder einem Ereignis wird ein anderer Sinn oder eine andere Bedeutung zugewiesen. Diese Technik ist vielen von uns in mehr oder weniger ausgeprägter Form ohnehin geläufig. Vor allem Menschen, die sehr dramatischen Lebensumständen auch positive bzw. förderliche Seiten abgewinnen können und sich so Handlungsmöglichkeiten offenhalten, verfügen über diese Alltagskompetenz. (Sieh hierzu auch folgender Link mit Ratschlägen zum Reframing im Alltag)

Als Selbstbeobachter sieht man jedoch nicht immer die Kontexte, die ein Fremdbeobachter wahrnehmen kann. Hier kann nun ein Coaching hilfreich sein. Aufgabe des Coaches ist dabei, eine vom Coachee als problematisch empfundene Situation in einem neuen Blickwinkel erscheinen zu lassen, so dass dieser die Möglichkeit erhält, mit der Situation anders umzugehen. Dies kann auf zweierlei Art geschehen: entweder wird dem Betreffenden eine neue Betrachtungsweise der Situation aufgezeigt – in diesem Fall spricht man von Bedeutungsreframing – oder das entsprechende Verhalten des Betreffenden wird in einen anderen Zusammenhang gestellt – hier spricht man von Kontextreframing.

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Exkursion zum Märtplatz

Unsere Exkursion zum märtplatz von Jürg Jegge war ein Ausflug in eine “andere Welt”, in der die Menschen stranden, die in unserer nicht so ohne Weiteres ihren Platz finden. Hier können bis zu 27 Lehrlingen, die aus unterschiedlichsten Gründen im “System” gescheitert sind, eine Ausbildung machen, bei der sie in ihrer Individualität, d. h. auch ihrer individuellen Problematik, optimal unterstützt werden.

Den Märtplatz hat Jürg Jegge vor ca. 25 Jahren auf dem Gelände einer ehemaligen Baumwollspinnerei aufgebaut. In den verwinkelten Räumen finden sich verschiedene Werkstätten und Ateliers, in denen die Lehrlinge sich zu Fotographen, Bühnentechnikern, Schneidern, Journalisten, Köchen, Töpfern und Keramikmalern ausbilden lassen können. Ziel ist der Erwerb eines Abschlusses und von Fähigkeiten, mit denen es möglich wird, dass eigene Leben zu meistern. Der Weg dahin wird für jeden Lehrling individuell ausgelotet, entsprechend den Möglichkeiten und Bedürfnissen, die ein jeder hat. Neben der Berufslehre wird durch verschiedene Angebote, d. h. Kurse, gemeinsame Theaterbesuche oder auch -aufführungen usw. die Möglichkeit geboten, die eigene Allgemeinbildung und die persönlichen Interessen weiterzuentwickeln oder auszubauen.

Der Grundgedanke, der hinter dieser Ausbildung steht, spiegelt sich auch den fünf Aspekten wider, von denen Jürg glaubt, dass ein Mensch sie braucht, um im Leben bestehen zu können.

  • sich einrichten
  • sich zurechtfinden
  • sich wehren
  • sich ausdrücken
  • sich pflegen

Und genau dies kann nur erreicht werden, wenn sein pädagogisches Credo “Freiraum nutzen; Respekt haben und Vielfalt schätzen” gilt. Dabei glaube ich inzwischen, dass dies weitaus weniger mit Pädagogik zu tun hat als vielmehr mit einer bestimmten Sicht auf das Leben oder eine Lebensphilosophie. Beeindruckt hat mich die Geschichte des Werkstattmeisters in der Keramikwerkstätte, der als Sonderschüler beinahe durchs “Raster” gefallen  und dem keinerlei Chancen für seine persönliche Entwicklung zugebilligt worden wären, wenn er sich nicht von bewunderswerter Hartnäckigkeit erwiesen hätte. Dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, sich in “seiner Geschwindigkeit” zu entwickeln und dass hier kein von außen gesetzter Maßstab als Messlatte dienen kann, wird an diesem Werdegang besonders deutlich. Wenn man dies in so einem geschützen Rahmen sieht, wie der Märtplatz nun einmal einer ist, wünscht man sich nichtsdestotrotz, dass dieser Grundgedanke für uns alle gültig wäre. Was dies als gelebtes Leben bedeutet, hat man auch ein wenig an Jürg gespürt, der einfach eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt, die man angesichts der Zusammenarbeit mit Menschen, die mehr Ecken und Kanten als so manch andere aufweisen, gar nicht erwarten würde.

ich lebte eine weile
die weile ist vorbei
und staune jetzt
ich lebe ohne eile
und auch ganz ohne weile
die eile ist vorbei
so kommt
dass plötzlich leben ist
dort drüben
dort hinten
und da
ja selbst in mir
die eile ist gewesen
doch will ich mich stets regen
in dieser kleinen weile
ganz ohne jeglich trübe
und bleiben was ich bin
so ganz in einer weile
doch gänzlich ohne eile
in meiner kleinen welt
so zwischen hier und dort
wo langsam stetig
sich zusammenhält
die nackte kleine Welt.

von Werner Herbst, der 22 Jahre lang als Leiter der Schreibwerkstätte im Märtplatz gearbeitet hat und 2008 verstorben ist.

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